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Pro Toleranz und Völkerverständigung

18.08.2008

Am 16. August 2008 feierte die Schalker Fan-Initiative e.V. 15 Jahre erfolgreichen Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Eine Arbeit, die auch zukünftig in zahlreichen Projekten und Kooperationen ihre Fortsetzung finden wird.

Fußballfans definieren sich als begeisterte Anhänger einer Mannschaft. Dieses Dasein kann verschiedene Ausprägungen haben: Unter anderem das Tragen von Vereinskleidung, der Besuch im Stadion oder das akustische Unterstützen der eigenen Farben. Aber genau dabei spielten sich Anfang der 90er im Schalker Parkstadion (wie auch im Rest des Landes) immer wieder Szenen ab, in denen vor allem dunkelhäutige Spieler Opfer von Rassismus wurden. Dies im Speziellen sowie die insgesamt steigende Ausländerfeindlichkeit in der Region und darüber hinaus führten bei einigen Schalker Fans zu Unbehagen, dem sie nicht mehr tatenlos begegnen wollten. So wurden 1992 die „Schalker gegen Rassismus“ geboren, aus denen schon kurz darauf die Fan-Initiative als eingetragener Verein erwuchs, und die damals wie heute mit ihrer Stimme dafür stehen, in ihrem sportlichen und sozialen Umfeld eine Lanze für Toleranz und Völkerverständigung zu brechen.

Die Schalker Fan-Initiative ist in ihrem Bemühen um mehr Menschlichkeit auf und neben dem Platz mehr, als zur offiziellen 15-Jahr-Feier am 16. August 2008 im Gelsenkirchener Kulturinstitut „die flora“ zu sehen war. Im Mittelpunkt stand dort eine Diashow zur Geschichte und den Geschichten der Initiative – von den lokalen Anfängen bis hin zu den mittlerweile auch internationalen Projekten. Daneben gratulierten als Brüder im Geiste der Schalker Vorstandsvorsitzende Josef Schnusenberg, sein Vorgänger Gerhard Rehberg, der ehemalige Trainer und Schalke-Mitglied Peter Neururer sowie Ini-Mitglied und Sportreporter Manfred „Manni“ Breuckmann. Was einst mit dem Verteilen von Flugblättern begann, ist bis 2008 zu einer rund 400 Mitglieder starken Gemeinschaft gewachsen, die mit dem Schalker Fan-Laden eine eigene Geschäftsstelle betreibt, mit SCHALKE UNSER das nach eigenen Angaben auflagenstärkste Fan-Magazin Deutschlands erstellt, vielfältige Projekte in der präventiven Jugendarbeit betreibt sowie deutschland- und europaweit mit Gleichgesinnten vernetzt ist – alles ehrenamtlich.

Hinter der Fan-Initiative stehen nach Informationen des zweiten Vorsitzenden Sven Schneider normale Fans aus der Kurve, die teilweise auch noch in anderen Fanclubs Mitglied sind. Gemeinsam eint sie das Ziel, den alltäglichen Rassismus im Stadion und in der Gesellschaft anzuprangern und sich von der scheinbar immer noch allzu oft grassierenden Dummheit nicht beeinflussen zu lassen. Hierzu gehört auch, sich nicht in Diskriminierungen gegenüber dem Torhüter beim Abschlag oder dem Schiedsrichter bei einer Fehlentscheidung zu ergehen. Und wann war eigentlich das letzte Spiel, bei dem die gegnerischen Fans nicht für jeden Zuschauer lautstark hörbar als Nachfahren von käuflichen Liebesdamen verunglimpft wurden? Dies ist mit Sicherheit kein Schalker Phänomen, sondern Realität in deutschen Stadien. Und es zeigt klar auf, dass Dummheit viel früher beginnt als viele zu glauben bereit sind. Der DFB und die DFL zeigen einmal pro Jahr dem Rassismus öffentlichkeitswirksam die Rote Karte, derweil ein Wochenende der anti-diskriminierenden Fangesänge noch aussteht. Allein etwas derartiges einfordern zu müssen mutet bedenklich an, zumal es an der Kreativität der Fans nicht scheitern sollte.

Bei der Wortwahl im Stadion geht es laut Schneider keineswegs darum, die Sprüche ganz abzuschaffen oder nur noch kinderkompatible Versionen zu präsentieren. Niemand muss ein Mönch sein, um als normaler Mensch durchs Leben zu gehen. Insofern sieht Schneider die Schwerpunkte des Vereins neben der Arbeit im Jugendbereich vor allem im Erreichen der schweigenden oder einfach nur mitgrölenden Masse im Stadion. Diese Mitläufer seien im Gegensatz zu Überzeugungstätern durchaus erreichbar. Zusätzlich würden auch die modernen Überwachungsmaßnahmen im Stadion rassistische Auswüchse immer stärker eindämmen, wohingegen offensichtliche Diskriminierungen häufig genug als gute Stimmung verkauft werden. Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, ist eine der Hauptaufgaben der Initiative in der Zukunft.

Parallel soll auch die Projektarbeit im lokalen und internationalen Umfeld laut Schneider weiter vorangetrieben werden. Unter der Fragestellung „Was ist Heimat?“ soll die Integration der in der Region lebenden Ausländer weiter gefördert werden, von denen bislang nur wenige als Mitglieder in der Fan-Initiative zu finden sind. Auf internationaler Ebene sind der Ausbau bestehender Beziehungen nach Polen, Tschechien und England fest eingeplant. Neu hinzu kommt eine Kooperation mit den Fans von Zenit St. Petersburg. Alle durchgeführten und geplanten Projekte zeigen deutlich, dass Rassismus und Ausländerfeindlichkeit kein typisch deutsches Phänomen sind und an keiner Stadion- oder Staatsgrenze haltmachen. Wer jedoch etwas dagegen tun will, muss nicht nur eine Initiative gründen, sondern diese auch aktiv mit Leben füllen. Im Schalker Fall scheint dies geglückt. Denn während der Vorstand und einige weitere Mitglieder der offiziellen Feier beiwohnten, lief vor und im Fan-Laden um die Ecke eine Party, bei der sich Menschen im Verkauf, am Ausschank oder beim Schleppen von Getränkekisten zum Wohle ihres Vereins engagierten. Und alle helfenden Hände waren sicher nötig, um nach dem erfolgreichen Saisonstart der Schalker gegen Hannover den Dreier in großer Runde zu zelebrieren. Manchmal kann die Welt so einfach sein. Wenn man nur mal drüber nachdenkt.

Kai Endres

Letzte Aktualisierung: 2011-07-18 04:12:06 +0200 (CEST)