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Oliver Kahn macht immer weiter
02.09.2008
Am 2. September 2008 um 21:41 Uhr endete für Oliver Kahn (39) die Zeit als Torhüter. Zum letzten Mal huldigten Fans und Kollegen einem der weltbesten Keeper aller Zeiten, für den das Leben danach schon längst begonnen hat.
Vor seinem letzten Spiel äußerte Oliver Kahn im DFB.de-Gespräch der Woche, dass er nicht zur Wehmut neige und ergänzte bezogen auf seine aktive Karriere: „... es gibt nichts, was ich noch erleben müsste. Insofern habe ich das Kapitel aktiver Fußballer abgeschlossen.“ Doch beim Spiel selbst schien es noch einmal wie früher. Da stand er, der Titan, konzentriert seine Beute fixierend – den Ball. Dabei war es spielerisch zwischen der Nationalmannschaft und dem aktuellen Bayern-Kader nicht mehr als ein Auslaufen unter Wettkampfbedingungen, was nicht nur der 1:1-Endstand dokumentierte. Aber wer hatte schon Augen für das Spiel. Es galt schließlich, Oliver Kahn einen möglichst unvergesslichen Abschied zu bereiten. Und so flog der einstige Welttorhüter ein letztes Mal durch den Strafraum, geprüft von einigen mehr oder weniger gefährlichen Aktionen. Ein Gaudi-Spiel hätte ihm auch nicht entsprochen. Sein bewegender Abgang kam in der 75. Minute, als er unter stehenden Ovationen den Platz für seinen Nachfolger Michael Rensing räumte. Nach einer Ehrenrunde und einem kurzen Dank an die Zuschauer verschwand er schließlich in den Katakomben.
Was bleibt vom Torhüter Oliver Kahn? Nun, die Betrachtung der Geschichte wird sich im Verlauf der Zukunft immer ändern. Doch Bilder und Fakten werden wohl noch lange davon Zeugnis tragen, dass es selten einen besseren und ehrgeizigeren Torhüter auf dieser Welt gab. Er hat polarisiert, wurde geliebt oder gehasst und je länger seine Karriere dauerte immer mehr auch respektiert. Wer erinnert sich nicht an das Jahr 2001, dem Meisterschafts-Krimi gegen Schalke und dem anschließenden Sieg in der Champions League, als Kahn die geflügelten Worte „Immer weiter!“ und „Da ist das Ding!“ prägte. Oder als er 2002 bei der WM in Japan und Südkorea endgültig zum Titan erwuchs, indem er aus unhaltbaren Bällen haltbare machte. Heute sagt Kahn über diese Zeit: „Ich war damals auf meinem maximalen Leistungsniveau. Die Titan-Phase war wahnsinnig anstrengend, Tag und Nacht nur Höchstleistung. Jede Parade sollte den Nachweis bringen, dass ich noch der Titan war.“ Der Respekt für seine Leistungen wurde ihm spätestens in seiner letzten Saison zuteil, als sein Strafraum bei Auswärtsspielen weniger mit Südfrüchten, sondern vielmehr mit Applaus eingedeckt wurde.
Doch neben einer langen Liste von Erfolgen prägten auch Niederlagen den Torhüter Kahn. Die bitterste davon war sicherlich das verlorene Champions League-Endspiel im Jahr 1999 gegen Manchester United, als ein Doppelpack der Engländer in der Nachspielzeit den Bayern in letzter Sekunde einen schon sicher geglaubten Titel aus den Händen riss. Für Kahn war dieser Moment im Nachhinein eine wichtige Lehre: „Wir hatten erfahren, dass es nie vorbei ist, bevor der Schiedsrichter abgepfiffen hat. Für mich wurde das ein Lebensmotto.“ Eines, das ihm auch über den Fehler im WM-Endspiel 2002 und die Nicht-Nominierung als erster Torhüter für die WM 2006 hinweghalf. Und ihn zugleich menschlicher machte. Eine Seite, die Oliver Kahn nur selten auf dem Platz zeigte, deren Bedeutung sich jedoch in der Antwort auf die Frage, was ihm denn am Fußball fehle, deutlich zeigt: „Das reine Spiel fehlt mir nicht, das Training, den Spielbetrieb und was alles dazugehört brauche ich nicht mehr. Mir fehlt nur die Mannschaft. Der Umgang, die Prozesse innerhalb einer Mannschaft, der Spaß. Weil es schon immer lustig war.“ Wer hätte das gedacht.
Und was macht die Marke Oliver Kahn? Er selbst sagt: „Die erste Hälfte meines Lebens habe ich als Fußballer verbracht, aber es gibt noch eine Hälfte, in der ich ganz andere Dinge machen möchte. Es stellen sich neue Herausforderungen, etwa auf unternehmerischer Ebene. Ich möchte da auch erfolgreich sein, das habe ich sehr wohl im Hinterkopf. Das muss gar nichts mit Fußball zu tun haben.“ Und so hat er schon im Verlauf seiner aktiven Karriere an der Zeit danach gebastelt. Eine eigene Website, zwei Bücher und reichlich Filmmaterial sorgen für eine mediale Präsenz, die sich ab September als TV-Experte bei Länderspielen fortsetzen wird. Zur besseren Vorbereitung will Kahn dafür sogar den Trainerschein machen. Parallel dazu will er auf dem asiatischen Markt bei der Suche nach Chinas bestem Torhüter helfen. Mögliche Ausweitung auf andere Länder nicht ausgeschlossen, denn die Asiaten haben seine Paraden aus dem Jahr 2002 ebenfalls nicht vergessen. Ganz ohne Fußball geht es dann wohl doch nicht.
Auch für den guten Zweck wird Oliver Kahn seinen Namen und sein Engagement einbringen. Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit wird sich auf das Schüler-Motivationsprogramm „Ich schaff´s“ konzentrieren. Zu den Inhalten des Programms und seiner zukünftigen Beteiligung sagte Kahn: „ Zunächst werde ich an Schulen in Bayern versuchen, den Schülern klarzumachen, dass Talent allein nicht reicht. Ich freue mich auf diesen direkten Kontakt. Erfolg im Leben hat man vor allem mit Ausdauer, harter Arbeit und Willen zur Leistung. Um zu gewinnen, braucht es nicht den Besten, sondern den Hartnäckigsten.“ Daneben unterstützt Oliver Kahn schon seit einigen Jahren die Justin Rockola Soforthilfe mit deren Initiative inside@school, bei der Schüler, Lehrer und Eltern unter professioneller Anleitung an der Prävention gegen Drogensucht, Essstörungen, Alkoholsucht und Gewalt in Schulen arbeiten.
Nachdem sich also der Torhüter verabschiedet hat, wird die Marke Kahn in Zukunft weiter bestehen. Allerdings ohne die ewige Hatz nach sportlichen Rekorden oder dem harten Konkurrenzkampf um die Torhüterposition. Als Enddreißiger mit einem gut gefüllten Bankkonto bleibt in jeder Hinsicht Luft zum Ausloten neuer Perspektiven.
Kai Endres
Letzte Aktualisierung: 2011-07-18 04:12:06 +0200 (CEST)
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