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Kleines Spiel mit großer Wirkung
07.10.2008
Für die Frauen von Churubamba ist Fußball weit mehr als nur ein Spiel. Es ist Flucht vor dem Alltag, Spaß an Geselligkeit und auch ein Finden von eigener Identität, die es vorher nicht gab und 2006 von Carmen Butta eindrucksvoll dokumentiert wurde.
Churubamba ist ein Inka-Dorf in den peruanischen Anden auf fast 4.000 Meter Höhe, das auch am Anfang des 21. Jahrhunderts noch ohne Strom, fließendes Wasser und öffentliche Verkehrsmittel auskommen muss. Der Fußball-Begeisterung tut dies allerdings keinen Abbruch – speziell unter den Frauen. Das Spiel ist dabei mehr ein Ausbrechen aus dem täglichen Einerlei als Bäuerinnen. In Bürgermeister Guillermo Chillihuani aus der Kreisstadt Andahuaylillas finden die Frauen einen starken Befürworter Ihres Engagements. Er war es auch, der 1996 die Anden-Meisterschaft des Frauenfußballs ins Leben rief, um den Austausch der abseits gelegenen Gemeinden stärker zu fördern. So ist ein Spiel nicht nur ein Spiel, sondern meist auch ein kleines Dorffest.
Die Dokumentation "Churubamba – Frauen am Ball" von Carmen Butta
beschreibt das Leben der Frauen von Churubamba mit und für den
Fußball. Verdeutlicht wird dies am Beispiel der Verteidigerin Juana Estrada, die gleich zu Beginn erklärt: „In meinem Leben gibt es nur wenig Anlass für Freude. Es ist immer Arbeit – harte Arbeit auf den Feldern, mit den Tieren, mit den Kindern. Und Fußball ist die einzige Unterbrechung, die ich habe. Das ist einer der wenigen Momente, in denen ich etwas für mich selbst tue. Ich treffe die anderen Frauen und kann endlich lachen. Auf dem Fußballfeld fühle ich mich dann wie eine andere. Für Augenblicke bin ich glücklich und vergesse alles.“ Die ersten Spieleindrücke vom Training unterstreichen dies. In Trachten und Sandalen jagen die Frauen dem runden Leder nach, wobei häufig Gelächter zu vernehmen ist. An Kondition mangelt es dabei nicht, denn die garantiert schon das Laufen und Arbeiten in der steilen Bergregion.
Was die Existenz der Quechua-Indianer neben dem Fußball ausmacht, zeigt sich am Tag nach dem Training, das übrigens eher einem freien Spiel ähnelt als einem koordinierten Programm folgt. Schwere Arbeit auf schwierigem Gelände, das einzig die Hauptmahlzeit Saubohnen sowie Kartoffeln und Weizen gedeihen lässt. Hinzu kommt eine kleine Schafherde, die von den beiden schulpflichtigen Söhnen nach dem Besuch der Zwergschule von Churubamba betreut wird. Das Geld für eine weiterführende Schule fehlt, ebenso wie die finanziellen Mittel zur Betreuung des behinderten Sohnes. Dass sich seine Frau bei all den Sorgen auch noch hin und wieder zur „Cancha“ (dem Fußballplatz) aufmacht, war Ehemann Valentin zunächst ein Dorn im Auge. Doch mittlerweile haben sich er und die Männer des Dorfes mit dem Hobby ihrer Frauen abgefunden, zumal diese nach dem Training oder einem Spiel sehr viel entspannter und fröhlicher seien.
Vom Fußball hinter ihren Bergen wissen die Bewohner von Churubamba nicht viel. Doch das spielt beim „Fulbito Andino“ (dem kleinen Anden-Fußball) keine Rolle. Denn von Januar bis März stehen neben den Spielen mit den Nachbardörfern vor allem die Reisen im Mittelpunkt: „Früher blieben wir Frauen immer in unserem Dorf. Wir waren wie eingeschlossen – mit den Kindern, dem Mann, den Tieren und all den Sorgen. Heute kommen wir weit hinaus. Wer weiß, wohin der Fußball uns noch treiben wird!“ Und so wird im weiteren Verlauf des Films von insgesamt drei Auswärtsspielen der Fußballerinnen berichtet. Das erste davon führte sie nach Manco, einem 16 Kilometer entfernten Dorf. Nach vierstündigem Fußmarsch musste das Spiel sofort angepfiffen werden, wollten die Frauen noch vor der Dunkelheit wieder zu Hause sein. Und trotz der strapaziösen Anreise gewann Churubamba das Spiel mit 1:0 und kassierte als Siegtrophäe elf Meerschweinchen – eine Delikatesse der Region.
Doch wichtiger als das Spiel ist der Austausch mit den Frauen aus anderen Dörfern. „Das Reisen hat uns die Augen geöffnet. Wir wollen, dass unsere Kinder lernen und im Leben viel weiter kommen als wir.“ Die nächste Auswärtsfahrt ins 170 Kilometer entfernte Huilloc wird an dieser Stelle als Quantensprung beschrieben, da es eine derart weite Reise vorher noch nie gegeben hätte. Nach fünf Stunden Fahrt auf einem LKW entwickelte sich auf dem ungewohnt großen Platz lange Zeit ein Gleichgewicht der Kräfte, ehe die Gäste in letzter Minute mit 1:2 unterlagen. Damit flatterte zugleich auch die Siegprämie von elf Hühnern davon. Versöhnlich wurde die Stimmung erst wieder, als mit „Chicha“ das selbst gebraute Maisbier die Runde machte. Entscheidender war jedoch die Erkenntnis, dass es in Huilloc schon Strom gab. Eine Tatsache, für die Churubambas Fußballerinnen mittlerweile sogar demonstrieren, was sie sich früher nie getraut hätten.
Vor dem letzten Auswärtsspiel des Films in der Provinzstadt Urcos wurde der Dorfschamane um Beistand für ein besseres Resultat gebeten. Schließlich ging es gegen den Erzfeind aus der Stadt der Mestizen (Nachfahren von Indianern und spanischen Kolonialherren). Dort, wo auch Verteidigerin Juana noch vor dem Spiel das selbst angebaute Getreide verkaufen wollte, aber wegen ihrer kaum vorhandenen Spanisch-Kenntnisse kein Geschäft machte. Die Beachtung für die Indianerinnen stieg erst am Mittag, als es im Stadion von Urcos um das Spiel ging. Und zur großen Überraschung für alle besiegte das Dorf die Stadt am Ende knapp mit 1:0. Der Lohn für diese Mühen fiel mit tausend Kilo Saatkartoffeln besonders reichlich aus. Angeblich würde davon ganz Churubamba mehrere Monate leben können. Der moralische Triumph werde wahrscheinlich noch länger andauern. Und so endet der Film mit einem versöhnlichen Ausblick.
Die Dokumentation „Churubamba – Frauen am Ball“ entstand im Jahr 2006 unter der Regie von Carmen Butta, die sich neben der Arbeit besonders gerne an die vielen abendlichen Gespräche mit Bürgermeister Guillermo Chillihuany erinnerte. Die Reportage setzt die gewonnenen Eindrücke und Erlebnisse gekonnt in Szene und bietet dem Betrachter kleine Einblicke in eine nach europäischen Maßstäben völlig fremde Frauenfußballwelt.
Kai Endres
Letzte Aktualisierung: 2011-07-18 04:12:06 +0200 (CEST)
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