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Gralshüter der Fußballregeln
07.06.2008
England, Schottland, Wales und Nordirland sind bei der Europameisterschaft 2008 nicht dabei, derweil ihre Verbände maßgeblich über das Regelwerk entscheiden. Das Veto der FIFA in diesen Fragen existiert erst seit 1958.
Am 2. Juni 1886 gründeten die Fußball-Verbände aus England (Football Association), Schottland (Scottish Football Association), Wales (Football Association of Wales) und Nordirland (Irish Football Association) das International Football Association Board (IFAB). Grund waren die bis dato in jedem Land leicht unterschiedlichen Regeln für das Fußballspiel. Dies führte bei Länderspielen häufig zu Problemen, die meistens dadurch verschwanden, dass die Partie nach den Regeln des jeweiligen Gastgebers ausgetragen wurde. Eine praktikable, wenngleich keineswegs ideale Lösung. So legten die vier Gründer des IFAB am 6. Dezember 1882 in Manchester einheitliche Regeln fest, die fortan für Länderspiele unter den genannten Ländern verbindlich waren. Gleichzeitig wurde beschlossen, ein dauerhaftes Gremium für die Pflege des Regelwerks einzurichten – das IFAB.
Im Archiv des International Football Association Board lässt sich die Geschichte des Gremiums nachlesen – inklusive einer Dokumentation der jährlichen Treffen von 1886 bis 2004 (Stand 20. Mai 2008). Demnach erfuhren die Regeln zwischen 1890 und 1899 einige entscheidende Änderungen, die bis zum heutigen Tag Gültigkeit besitzen. Hierzu gehören, dass eine Mannschaft aus elf Spielern besteht und ein Spiel 90 Minuten dauert. Ebenfalls festgelegt wurden die grundlegenden Ausmaße des Spielfelds und die Aufteilung der Unparteiischen in einen Hauptschiedsrichter, der sich frei auf dem Feld bewegen darf, und zwei Linienrichter. Der Elfmeter wurde bereits 1891 eingeführt, doch die Markierungen auf dem Spielfeld erfuhren erst 1902 mit der Einführung der Mittellinie und des Strafraums eine wesentliche Neuerung. Der direkte Freistoß kam 1903 dazu.
Für die Struktur der Organisation war die Gründung des Fußball-Weltverbandes im Jahr 1904 von langfristiger Bedeutung. Die Fédération Internationale de Football Association (FIFA) erkannte die Regeln des IFAB an und wurde ab 1913 sogar in das Gremium aufgenommen. Faktische Entscheidungsgewalt hatte die FIFA jedoch nicht. Denn Regeländerungen wurden bis 1958 mit eine Vierfünftelmehrheit beschlossen. Und da der Weltverband nur zwei von insgesamt zehn Stimmen besaß, war er eigentlich machtlos. Erst am 7. Juni 1958 wurden auf der jährlichen Sitzung des Gremiums die Stimmrechte neu verteilt. Fortan besaßen die FIFA und die Gründerverbände jeweils vier Stimmen. Alleine kann die FIFA damit immer noch nicht über Modifikationen am Regelwerk entscheiden, da dies einer Dreiviertelmehrheit bedarf.
Gravierende Neuerungen konnten in den ersten Jahren der FIFA-Mitgliedschaft ohnehin nicht durchgeführt werden, da dies der erste Weltkrieg verhinderte. In den 20er Jahren wurde dann zunächst die Abseitsregel umfassend reformiert, ehe Ende der 30er Jahre die Fußballregeln durch den Engländer Sir Stanley Rous (FA- und IFAB-Mitglied) inhaltlich und sprachlich überarbeitet wurden. Heraus kamen 17 Spielregeln, die auch heute noch den Kern des Regelwerks bilden. Intensivere Diskussionen waren durch den zweiten Weltkrieg erneut passé, der zwischen 1940 und 1947 keine Treffen des IFAB zuließ.
In den 60er Jahren standen vor allem Fragen der Ausrüstung im Mittelpunkt der jährlichen Treffen. Dabei zeigte das IFAB gegenüber Regelneuerungen durchaus eine konservative Haltung, wenngleich es immer wieder Veränderungen im Detail gab. So wurden die Regeln in den vergangenen 30 Jahren immer wieder in Richtung Offensivfußball verändert, aber auch der Schutz der körperlichen Unversehrtheit (Fair Play) stand und steht im Fokus der Regeländerungen. Aktuell werden auch technologische Aspekte (Chip-Ball) diskutiert, die jedoch auf der 122. IFAB-Konferenz 2008 vorerst auf Eis gelegt wurden. Stattdessen wurde eine Überarbeitung des Reglements beschlossen, die zuletzt im Jahr 1997 erfolgte. Dabei sollen die Änderungen vor allem den Wortlaut der Regeln vereinfachen, aber nicht deren Inhalt verfälschen. Die Geschichte der Fußballregeln scheint damit noch lange nicht zu Ende erzählt.
Kai Endres
Letzte Aktualisierung: 2011-07-18 04:12:06 +0200 (CEST)
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