13.01.2009
Wenn zwei mal eben weg sind, gibt es immer etwas zu erzählen. „Hohe Berge, weite Täler, klare Flüsse, blaue Seen“ – und natürlich ein Fußballspiel. So geschehen Ende November 2008, wie unser Freund Axel aus dem bolivianischen Sorata berichtete.
Es ist Sonntag der 23. November 2008 in Sorata/Bolivien. Eine schrille Trillerpfeife ertönt in meinem Ohr. ES IST FUSSBALLZEIT!!
Wie anscheinend überall auf der ganzen Welt wird am Sonntag Nachmittag gegen 15:00 Uhr zum Anstoß gepfiffen. Ich hatte das Glück, dass meine Freundin Hilke wirklich unbewusst gegenüber vom Sportplatz gebucht hatte. Also, ich raus aus der Hängematte und rüber zum Sportplatz. Es spielen Estudiante Sorata gegen eine mir unbekannte Mannschaft. Auf den Trikots stand Arsenal London (selbstgemacht).
Die Ränge sind gut besucht. So wie jeden Sonntag sagte man mir, da Fußball der einzige Sport ist, der hier betrieben wird, und ein Platz existiert, auf dem man spielen kann. Platz? Na ja, ich glaube, dass keiner von uns jemals auf so einem Acker gespielt hat. Kein Feld in Deutschland, keine Straße bei uns ist so uneben und hat so viele Stolperfallen wie dieser Platz. Es gibt zwar eine Tribüne, die ist aber in der prallen Sonne. Und der Radioreporter, ja ihr lest richtig, das Spiel wird im Radio übertragen, wird durch einen Sonnenschirm geschützt. Das restliche Publikum sitzt auf einem Hügel im Schatten von großen Eukalyptusbäumen. Sonnenschutz in Form von Sonnencreme kennt man hier nicht, wenn man es anbietet setzen die Einheimischen zum Trinken an und ein gellender Schrei ertönt aus meiner Kehle.
Zurück zum Spiel. Ein Schiri musste noch schnell gefunden werden. Ich habe mich nicht freiwillig gemeldet, eine falsche Entscheidung und ich würde gesteinigt. Eine Person im Publikum mit orangefarbenem Trikot mit der Nummer 6 wurde auserkoren das Spiel zu leiten. Es geht los. Wirklich erstaunlich, wie technisch versiert die Jungs sind und flink auf den Beinen, und das auf 2700 Meter Höhe und auf diesem Acker. Flachpassspiel ist hier nicht möglich, aufgrund der Schlaglöcher und anderen Hindernisse, die auf dem Platz liegen (Flaschen, Tüten, Hunde, Hühner und noch mehr). Das erste Tor fällt nach einem toll vorgetragenen Konter der Gäste aus „London“. Der heimische Torhüter hat allerdings auch dazu beigetragen, da er eine Flanke von links nur abklatschen konnte und der gegnerische Stürmer nur eindrücken brauchte.
Das Spiel war wirklich für diese Gegebenheiten nicht schlecht. Sehr schnell und mit Torchancen auf beiden Seiten. Dennoch fiel der Ausgleich für Sorata sehr überraschend. Ein missglückter Seitenwechsel vom Mittelfeldstrategen aus Sorata wurde zu einem strammen Flachpass in die gegnerische Hälfte. Aufgrund der bereits erwähnten Hindernisse, konnte der Ball nicht aus der Gefahrenzone geschlagen werden und fiel dem heimischen Stürmer vor die Füße, der nur noch am Tormann vorbeischieben brauchte. 1:1. Anstoß für „London“. Für mich etwas überraschend wurde der Ball direkt auf das Tor der Gastgeber gedroschen und klatschte auf die Latte. Der ca. 1,60 m große Tormann aus Sorata hätte keine Chance gehabt. Mir fällt meine Flasche Wasser aus der Hand. Die Eingeborenen lachen mich aus. Es ist Halbzeit.
Ich renne schnell in unser Hostel und dusche. Es sind gefühlte 30 Grad und es ist sehr staubig. Als ich zurückkomme läuft das Spiel bereits wieder und anscheinend hat Sorata den Führungstreffer erzielt. Der Radioreporter ist immer noch sehr aufgeregt und kommentiert das Spiel wie es sich für einen Südamerikaner gehört. Ich kann nicht sagen, wie lange das Spiel bereits in der 2. Halbzeit läuft, aber es macht sich doch bereits ziemliche Unruhe bemerkbar. Sorata gerät immer mehr unter Druck. Ein direkt ausgeführter Eckball knallt an den Pfosten des heimischen Torhüters. Mit einer Glanztat wird ein schnell vorgetragener Konter wieder zunichte gemacht und auch der Nachschuss wurde bravourös gehalten. Sorata kann sich jetzt bei seinem Torhüter bedanken, dass der Ausgleich noch nicht gefallen ist. In der 85. Minute ist es dann soweit. Ein Spiegelbild des 1:0 führt zum Ausgleich der Gäste. 2:2. Auch jetzt wird der Ball vom Anstoß direkt auf das Tor gezimmert. Wieder Latte, ich verschlucke mich und muss fast bis zum Ende des Spiels husten. Wahnsinn. Schlusspfiff. Das Spiel endet 2:2 – etwas glücklich für Sorata.
Besondere Vorkommnisse: 1. Ein Stein wurde dem Spielführer von Sorata aus der gegnerischen Fankurve an den Kopf geworfen. Der Spieler konnte aber weitermachen. 2. Rudelbildung nach einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung (sämtliche Betreuer und Auswechselspieler stürmen das Feld). Nach 2 Minuten war aber alles wieder o.k. 3. Einem Hund, der auf dem Spielfeld lag, wurde aus Versehen auf den Schwanz getreten. Jaulender Abgang des Hundes, aber ohne bleibende Schäden.
Das war es. Ein wirklich toller Sonntag Nachmittag, habe mich fast wie zu Hause gefühlt, da auch das Publikum kaum anders ist als bei uns. Auch alte Männer mit Hut – stehen an der Außenlinie und wissen alles besser.
Axel Gerstenhauer