HOME TEAMS IMPRESSUM
Langer Ball Logo
  °  DEUTSCHLAND
  °  ENGLAND
  °  FRANKREICH
  °  ITALIEN
  °  NIEDERLANDE
  °  SPANIEN
  °  TÜRKEI
  °  CHAMPIONS LEAGUE
  °  EUROPA LEAGUE
  °  WM 2010
  °  EM 2012
  °  ARCHIV

Übersicht | HTML-Druckversion | PDF | 4461 Zeichen

„6+5-Regel“ = 11 Freunde?

19.12.2007

In der Spielzeit 2010/2011 soll nach Vorstellungen der FIFA in den europäischen Ligen die „6+5-Regel“ eingeführt werden. Diese besagt, dass in einer Mannschaft mindestens sechs nationale Spieler mit auf dem Feld stehen müssen.

Als Begründung nannte FIFA-Präsident Joseph Blatter drei entscheidende Vorteile der neuen Regel: Erstens eine höhere Identifikation zwischen Vereinen und Fans. Zweitens steigen die Chancen der Talente. Drittens werden die Finanzen der Clubs entlastet, wenn sie verstärkt Spieler aus ihren eigenen Ausbildungsstätten rekrutieren. Der Meinung des FIFA-Präsidenten schließen sich auch DFB-Präsident Dr. Zwanziger und Franz Beckenbauer an. Letzterer geht laut einem Zeitungsbericht davon aus, dass die höhere Identifikation mit dem Verein auch die Qualität der Spiele positiv beeinflussen würde. Der „Kaiser“ geht sogar noch einen Schritt weiter und ist der Meinung, dass bei vielen Clubs ein sprachliches Verständigungsproblem herrsche und dieses zwangsläufig zum Zerfall des Teams führe.

Aus der oben beschriebenen Sicht ist die Einführung der „6+5-Regel“ dringend notwendig, gleichwohl gibt es zu diesem Thema auch konträre Meinungen. Ein Kritiker ist unter anderem DFL-Präsident Reinhard Rauball. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „Diskriminierung von Spielern, die keinen deutschen Pass besitzen. Da habe ich europarechtliche Bedenken.“ Rauballs Sorge wird von UEFA-Präsident Platini geteilt, für den Sport mehr denn je ein wichtiger sozialer Faktor und damit ein unvergleichlicher Integrationsmotor ist. Zudem gebe es in Europa die freie Wahl des Arbeitsplatzes und somit müsse sich kein europäischer Verein zwingend an die vorgeschlagene Regelung halten. Allein diese Grenze scheint für die neue Regelung unüberwindbar.

Wäre es allerdings doch möglich, wie würden die Vereine der Bundesliga damit umgehen? Laut dpa wurden während der ersten neun Bundesligaspiele (2007/08) durchschnittlich 54 Prozent Ausländer eingesetzt. Zuvor war diese Zahl in den letzten drei Spielzeiten kontinuierlich von 53 auf 49 Prozent gesunken. Die Ausländerleitwölfe der Liga aus Wolfsburg und Cottbus wären in jedem Fall mit einigen personellen Umbaumaßnahmen betraut. Besonders Cottbus hätte nach derzeitigem Stand gewaltige Probleme, denn von den 32 Spielern im aktuellen Kader (Stand: Dezember 2007) besitzen lediglich 11 Spieler die deutsche Staatsbürgerschaft. Dagegen rennt Blatter mit seinem Vorschlag bei anderen Clubs fast schon offene Türen ein. So vertritt Peter Peters (Geschäftsführer Schalke 04) die Ansicht: „Wenn wir etwas ändern wollen, dann geht das nur auf diesem Weg.“ Ähnlich sieht es auch Hansa Rostock, das derzeit von allen Bundesligisten den geringsten Ausländeranteil aufweist. „Wir wollen Deutschlands Ausbildungsverein Nummer eins werden“, kündigte Hansa-Trainer Frank Pagelsdorf an.

Dass die „6+5-Regel“ sicherlich die Vereinsidentifikation für Deutsche positiv beeinflussen würde, steht außer Frage. Der Nachwuchsförderung von deutschen Spielern würde sie ebenfalls gut zu Gesicht stehen und höchstwahrscheinlich würde auch die Nationalmannschaft davon profitieren. Auf der anderen Seite diskriminiert eine solche Regelung die in der Bundesliga spielenden Ausländer. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem viele Familien mit Migrationshintergrund leben, ist eine solche Entscheidung gesellschaftlich nicht nachvollziehbar. Wenn Integration auf dem Fußballplatz gelebt werden soll, darf es nicht an der praktischen Anwendung fehlen. Franz Beckenbauer mag zwar mit seinen Beobachtungen zu den Verständigungsproblemen richtig liegen, aber die vorgeschlagene Lösung – eine reine Reduktion von Ausländern – scheint dabei höchst fragwürdig. Schließlich könnte das sprachliche Verständigungsproblem über verpflichtende Deutschkurse wesentlich leichter aus dem Weg geräumt werden.

Ob nun die Qualität der Begegnungen durch die Einführung der „6+5-Regel“ steigt oder sinkt, lässt sich nur schwer einschätzen. Im multikulturellen Sinne würde die Bundesliga jedoch mit Sicherheit einbüßen. Jeder Profi, der im Ausland ausgebildet wurde, hat seine ganz individuelle Art Fußball zu spielen. Erst die Mischung verschiedener Kulturen macht den modernen Fußball zu einem Spektakel und sollte deswegen von dieser Regelung unberührt bleiben. Am Ende ist es wichtig, dass „elf Freunde“ auf dem Platz miteinander Fußball spielen – unabhängig von Herkunft oder Nationalität.

Michael Buck

Letzte Aktualisierung: 2011-07-18 04:11:39 +0200 (CEST)